Wer darf interne Audits durchführen? Auch ohne QM
Interne Audits fressen Zeit, meist die der QMB, die sie neben allem anderen mitmacht. Eine Lösung, die vielen erst befremdlich vorkommt: Auditor:innen ohne QM-Hintergrund einsetzen. Dieser Beitrag zeigt, was ISO 19011 dazu wirklich sagt, warum Betriebsblindheit oft das größere Problem ist als fehlendes Normwissen und wie Sie neue interne Auditor:innen finden und auswählen.
🎙️ Den vollständigen Podcast dazu finden Sie in der aktuellen Episode von „QM mit Sinn und Verstand".
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Stellen Sie sich vor, Sie waren in den letzten drei Jahren zwanzig Mal im selben Bereich zum internen Audit. Sehen Sie dort noch, was tatsächlich passiert oder nur noch das, was Sie erwarten? Dieses Phänomen hat einen Namen: Betriebsblindheit. Und es trifft ausgerechnet die Menschen am härtesten, die es eigentlich verhindern sollen: erfahrene, normsichere Auditor:innen. Eine mögliche Lösung klingt zunächst gewagt: interne Auditor:innen ohne tiefes QM-Wissen einzusetzen. Dieser Beitrag prüft, ob das normkonform ist, warum es oft sogar mehr sieht als der Experten-Blick und wie Sie das in Ihrem Qualitätsmanagement praktisch umsetzen.
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Betriebsblindheit im internen Qualitätsmanagement: das unterschätzte Risiko
Fehlendes Normwissen ist selten das eigentliche Problem im internen Audit. Das größere Risiko heißt Betriebsblindheit: eine Routine, an der von innen niemand mehr zweifelt, weil sie längst alternativlos erscheint. Sie entsteht schleichend und lässt sich in der Regel nur durch einen Anstoß von außen erkennen.
Ein Beispiel: In einer ambulanten Beratungsstelle führt seit Jahren dieselbe erfahrene QMB die internen Audits im Beratungsbereich durch. Sie kennt die Abläufe so genau, dass sie beim Rundgang eigentlich nur noch abhakt, was sie erwartet, nicht mehr das, was tatsächlich da ist. Als aus Zeitgründen einmal eine Kollegin aus der Buchhaltung mit auditiert, fällt dieser sofort eine Frage auf, die niemand mehr stellt: "Warum dokumentieren Sie das eigentlich doppelt, einmal in der Akte und einmal im System?" Eine Frage, die für die QMB längst zu selbstverständlich geworden war, um sie noch zu stellen.
Genau hier setzt die Idee an, das Auditteam über den klassischen Qualitätsmanagement-Hintergrund hinaus zu öffnen.
Wer darf interne Audits durchführen? Das sagt ISO 19011
Die klare Antwort zuerst: Ja, auch Personen ohne vertiefte Normkenntnisse dürfen intern auditieren – normkonform nach ISO 19011. Die Norm verlangt nicht, dass jede einzelne Person tiefes Normwissen mitbringt. Sie verlangt generische Auditkompetenz, Prozessverständnis, Urteilsfähigkeit, Fragetechnik, Gesprächsführung und ein gewisses Maß an disziplin- und sektorspezifischem Wissen, das aber das Auditteam als Ganzes tragen muss, nicht zwingend jede einzelne Person darin.
Was das für Ihre Verantwortung als QMB bedeutet
Diese Flexibilität entbindet Sie nicht von der Pflicht, zu begründen und zu dokumentieren, warum die Kompetenzen Ihrer Auditor:innen für das jeweilige Audit ausreichen. Genau hier bleibt Ihr Qualitätsmanagement gefordert: Sie stellen die Mischung im Team sicher, nicht jede Einzelperson für sich. Die im Mai 2026 veröffentlichte, überarbeitete ISO 19011:2026 hat diese Struktur der sieben Auditprinzipien beibehalten, präzisiert die Anforderungen an Auditkompetenz aber weiter und rückt zusätzlich Remote-Audit-Methoden stärker in den Fokus.
Ob ISO 9001, AZAV oder ein anderes Regelwerk, das Prinzip bleibt gleich: Fachwissen zum jeweiligen Regelwerk muss im Auditteam vorhanden sein, aber nicht bei jeder auditierenden Person selbst.
Warum der unbefangene Blick oft mehr sieht
Warum sehen Auditor:innen ohne Normwissen manchmal mehr als die Norm-Expertin? Die Verhaltensökonomie liefert eine überraschend eingängige Erklärung: den Curse of Knowledge, den Fluch des Wissens. In einem bekannten Experiment klopfen Versuchspersonen den Rhythmus eines bekannten Liedes auf den Tisch. Sie schätzen, dass über 50 Prozent der Zuhörenden das Lied erraten, tatsächlich gelingt es unter drei Prozent. Die Klopfenden hören die Melodie im Kopf mit. Alle anderen hören nur das Klopfen.
Übertragen auf das Audit: Die Norm-Expertin "klopft" beim Fragen die ISO-Melodie automatisch mit. Sie kann kaum anders fragen als "Ist das konform?" Wer die Melodie nicht kennt, fragt oft ganz automatisch anders: "Warum machen Sie das eigentlich so?" und genau diese Frage macht Dinge sichtbar, die im Raum längst als selbstverständlich gelten.
Auch die Zen-Philosophie kennt dieses Bild: Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige. Ein Stück Sokrates gehört ebenfalls dazu, die vermeintlich dumme Frage ist manchmal die einzige, in der die Antwort noch nicht feststeht.
Bildvorschlag: Zwei stilisierte Ohren – eines hört Notenlinien mit Melodie, das andere nur einzelne Klopf-Punkte. Schlicht, konzeptionell.
Psychologische Sicherheit und der Autoritätsgradient im Audit
Es gibt einen zweiten Grund, warum der unbefangene Blick oft mehr sieht und der hat mit Beziehung zu tun, nicht mit Fragetechnik. Psychologische Sicherheit beschreibt, wie sicher sich Menschen fühlen, im Gespräch Fragen zu stellen oder Fehler zuzugeben, ohne bloßgestellt zu werden. Diese Sicherheit sinkt spürbar, sobald jemand im Raum als Autorität wahrgenommen wird, auch dann, wenn diese Person im Audit gar keine Weisungsbefugnis hat.
Aus der Luftfahrt stammt dafür ein passender Begriff: der Autoritätsgradient. In den Achtziger-Jahren zeigten mehrere Unfälle, was ein zu steiler Gradient anrichten kann: Untergeordnetes Personal hatte kritische Bedenken, sprach sie aber nicht aus, um Vorgesetzten nicht zu nahe zu treten. Je steiler der wahrgenommene Abstand zwischen Norm-Hüterin und Kollegin, desto weniger öffnet man sich im Audit vermutlich auch dort.
Ein drittes Bild passt gut dazu: das Kind aus Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider", das als Einziges laut sagt, was alle Erwachsenen aus Angst vor Blamage verschweigen. Wer keinen Expertenruf zu verteidigen hat, kann auch leichter fragen: "Aber warum ist das eigentlich so?"

Praxis-Tool: So wählen Sie neue interne Auditor:innen aus
Vier Themenbereiche für ein kurzes Auswahlgespräch mit Kandidat:innen für Ihr Qualitätsmanagement-Auditteam:
1. Prozessverständnis
Lassen Sie sich den eigenen Arbeitsprozess der Person erklären. Wer Ablauf, Schritte und Zusammenhänge klar darstellen kann, überträgt diese Fähigkeit meist auch auf fremde Prozesse in anderen Abteilungen.
2. Fragehaltung
Zeigen Sie eine absichtlich unvollständige Prozessbeschreibung. Fragt die Person nach, wo etwas nicht stimmig wirkt, oder nimmt sie die Lücke einfach hin? Genau diese Neugier ist die Kernkompetenz.
3. Umgang mit Widerspruch
Fragen Sie, wie die Person reagiert hat, als ihr bei der Arbeit widersprochen wurde. Es geht nicht um die richtige Antwort, sondern darum, ob jemand Konflikte im Gespräch aushält.
4. Motivation
Warum will die Person das eigentlich machen? Auditieren kostet Zeit und bringt selten Dank. Wer aus echtem Interesse kommt, trägt das auch über die ersten unbequemen Audits hinweg.
Für die Vorbereitung selbst reicht deutlich weniger, als man denkt: keine vollständige Auditorenausbildung, sondern eine kompakte Einführung in Gesprächsführung und Fragetechnik, dazu ein bis zwei Tandem-Audits mit erfahrener Begleitung. Genau hier finden Ihre Normexpert:innen ihren neuen Platz: als Begleitung im Tandem, nicht als einzige Auditor:innen im Haus.
Bildvorschlag: Vier einfache Icons für die vier Themenbereiche (Prozess, Frage, Widerspruch, Motivation) in einer Reihe. Klar, reduziert.
Fazit: Diversifizieren Sie Ihr Auditteam, nicht nur Ihr Auditwissen
Fehlendes Normwissen ist selten das eigentliche Problem im internen Audit, Betriebsblindheit hat die größeren Folgen. Die ISO 19011 stützt das: Sie verlangt generische Kompetenzen im Team, nicht zwingend Normwissen bei jeder einzelnen Person. Wenn mehr Menschen im Haus auditieren dürfen, wird Qualität nicht mehr nur von einer Abteilung stellvertretend getragen, sondern von allen.
Wenn Sie Ihr Auditprogramm entsprechend umbauen möchten, von reiner Normkonformität hin zu einem diversen Auditteam mit klaren neuen Rollen: Im kostenlosen Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, wo bei Ihnen ein frischer Blick am meisten bringt.
Nur im Podcast: Noch mehr zu diesem Thema
In der vollständigen Episode von "QM mit Sinn und Verstand" erfahren Sie außerdem, welche Rolle das Wissensmanagement-Konzept Codification vs. Personalization in diesem Zusammenhang spielt und warum der Name "Regelbert" – vorgeschlagen von Gemini – sprachlich tatsächlich Sinn ergibt.
Weiterführende Links
- Was ist menschenzentriertes QM? Kostenloses Toolkit
- ISO 9001 menschenzentriert – mehr zur Beratung
- Kostenloses Kennenlerngespräch buchen
- Handout "4 Fragen fürs Auswahlgespräch" (Platzhalter – der Podcast verspricht dieses Handout explizit im Blog, siehe Hinweis unten)
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❓Häufige Fragen zu internen Audits ohne QM-Hintergrund
Frage: Dürfen interne Auditor:innen ohne QM-Kenntnisse überhaupt auditieren?
Antwort: Ja, das ist normkonform. Die ISO 19011 verlangt generische Auditkompetenz – Prozessverständnis, Urteilsfähigkeit, Fragetechnik, Gesprächsführung – sowie ein gewisses Maß an fachspezifischem Wissen. Dieses Fachwissen muss aber das Auditteam als Ganzes tragen, nicht zwingend jede einzelne auditierende Person. Als QMB bleiben Sie dafür verantwortlich, zu begründen und zu dokumentieren, warum die Kompetenzen Ihrer Auditor:innen für das jeweilige Audit ausreichen.
Frage: Was ist Betriebsblindheit und warum betrifft sie gerade erfahrene Auditor:innen?
Antwort: Betriebsblindheit ist eine Routine, an der von innen heraus niemand mehr zweifelt, weil sie längst alternativlos erscheint. Wer denselben Bereich viele Male auditiert hat, hakt irgendwann eher ab, was er erwartet, als das, was tatsächlich da ist. Sie lässt sich meist nur durch einen Anstoß von außen erkennen – von Menschen, die nicht direkt zum geprüften Bereich gehören.
Frage: Was ist der "Curse of Knowledge" und was hat er mit internen Audits zu tun?
Antwort: Der Curse of Knowledge, der Fluch des Wissens, beschreibt, dass Menschen mit viel Fachwissen kaum noch nachvollziehen können, wie ihr Thema für Unwissende wirkt. Übertragen auf das Audit: Norm-Expert:innen fragen fast automatisch normorientiert ("Ist das konform?"), während unbefangene Auditor:innen eher fragen "Warum machen Sie das eigentlich so?" – eine Frage, die oft mehr sichtbar macht.
Frage: Was bedeutet psychologische Sicherheit im Audit-Kontext?
Antwort: Psychologische Sicherheit beschreibt, wie sicher sich Menschen fühlen, Fragen zu stellen oder Fehler zuzugeben, ohne bloßgestellt zu werden. Sie sinkt spürbar, sobald jemand als Autorität wahrgenommen wird – auch ohne formale Weisungsbefugnis. Auditor:innen ohne Norm-Expertenstatus erzeugen oft einen flacheren Autoritätsgradienten und bekommen dadurch offenere Antworten.
Frage: Brauchen wir unsere Normexpert:innen dann überhaupt noch im Auditprogramm?
Antwort: Ja, unbedingt – nur anders eingesetzt. Statt jedes einzelne Audit persönlich zu führen, übernehmen sie methodischen Support im Hintergrund, begleiten fachfremde Auditor:innen im Tandem bei komplexeren Normanforderungen oder sichern die Qualität des gesamten Auditprogramms. Die Normexpertise wandert von der Durchführung in Konzeption und Begleitung.
Frage: Wie bereite ich fachfremde Auditor:innen auf ihre erste Rolle vor?
Antwort: Eine vollständige Auditorenausbildung ist dafür nicht nötig. Ausreichend sind eine kompakte Einführung in Gesprächsführung und Fragetechnik sowie ein bis zwei Tandem-Audits mit einer erfahrenen Kollegin an der Seite. Wichtig ist außerdem ein festes Zeitkontingent, das auch von der Führungskraft der Person mitgetragen wird.
Frage: Worauf sollte ich bei der Auswahl neuer interner Auditor:innen achten, wenn nicht auf Normwissen?
Antwort: Vier Bereiche eignen sich für ein Auswahlgespräch: Prozessverständnis (kann die Person ihren eigenen Arbeitsprozess klar erklären?), Fragehaltung (hakt sie bei Lücken nach?), Umgang mit Widerspruch (hält sie Konflikte im Gespräch aus?) und Motivation (kommt sie aus echtem Interesse?). Reines Normwissen steht bewusst nicht auf dieser Liste.
Frage: Welchen Vorteil hat ein diverses Auditteam über die Betriebsblindheit hinaus?
Antwort: Wenn mehr Menschen im Haus auditieren dürfen – auch die, denen bisher niemand den Verdacht auf Qualitätsmanagement unterstellt hätte – verschiebt sich das Bild von Qualität im ganzen Haus. Qualität wird dann von allen getragen, nicht mehr nur von einer Abteilung stellvertretend für alle anderen. Zusätzlich entsteht Wissenstransfer quer durchs Haus, weil Mitarbeitende Einblicke in andere Abteilungen gewinnen.
Frage: Was sollten wir bei der Zielsetzung des Auditprogramms anpassen, wenn wir das Team diversifizieren?
Antwort: Reine Normkonformität zu prüfen bleibt die Aufgabe, für die Normwissen gebraucht wird. Zielt ein Audit stattdessen stärker darauf, ob ein Prozess für die Menschen, die ihn leben, wirklich funktioniert, spielt der fachfremde, frische Blick seine Stärke aus. Sinnvoll ist deshalb, das Auditprogramm in zwei Zielrichtungen zu denken: Wirksamkeit und Praxistauglichkeit einerseits, Normkonformität andererseits – mit passenden Auditor:innen-Profilen für jede Richtung.
Frage: Wie mache ich die Rolle als interne:r Auditor:in für Kolleg:innen attraktiv?
Antwort: Schreiben Sie die Rolle intern aus, statt sie zuzuteilen. Betonen Sie echte Argumente: Einblick in sonst verschlossene Abteilungen, Training von Gesprächsführung und Urteilsfähigkeit, Sichtbarkeit bis zur Geschäftsführung. Ebenso wichtig: Sagen Sie klar, welche Unterstützung Sie bieten – kompakte Einführung, Tandem-Audits, festes Zeitkontingent. Gerne besprechen wir Ihre konkrete Situation im kostenlosen Kennenlerngespräch.
Schreiben Sie direkt: mail@mq-koeln.de
